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Aus der Winterruhe zu neuem Leben

Das Leben ist nicht geradlinig wie ein Lineal. Es verläuft in Zyklen, in Kreisen, in Rhythmen. Auf Zeiten der Ruhe oder Stagnation folgen Phasen der Entwicklung. Zeit ist nicht gleich Zeit. Es gibt sehr unterschiedliche Zeitqualitäten. Noch stecken wir halb im Winter, in der dunklen Jahreszeit. Die Kräfte sind nach innen gezogen, der Boden ist gefroren. Doch schon bereitet sich draußen in der Natur ein neuer Zyklus vor. Wir dürfen mit explosionsartigem Wachstum rechnen.

Der Frühling ist nicht mit dem Winter zu vergleichen. Hier handelt es sich um völlig verschiedene Qualitäten, so verschieden wie Stillstand und Sprint. Wir Menschen sind ein Teil der Natur. Was draußen passiert, hinterlässt in unserem Inneren Spuren. Auch in uns gibt es Orte, wo der Winter herrscht. Manche Bereiche des Lebens erscheinen wie gefroren oder erstarrt oder nicht vorhanden.

Vielleicht fühlen wir Stillstand. Und dabei wünschen wir uns Entwicklung und Fülle. Doch jetzt ist es Zeit, die Winterruhe zu beenden. Was lange wie gefroren war, darf endlich auftauen und sich wieder mit Gefühl und Leben füllen.

Gefrorenes Leben: das sind zum Beispiel schmerzhafte Erfahrungen aus der Vergangenheit, vor denen wir uns schützen, indem wir das Gefühl aus ihnen abziehen. Das ist das gleiche Prinzip, das der Zahnarzt mit seiner Spritze anwendet, die örtliche Betäubung. Der Schmerz ist weg, aber der Geschmack des guten Essens auch.

Gefrorenes Leben - das können Lebensbereiche sein, die dringend auf Entwicklung warten und die wir deshalb meiden. Manche von uns scheuen die Mühe von Umbauprozessen. So werden wesentliche Teile des Lebens gemieden: Liebe, Erfüllung, Glück.

Um Liebe, Erfüllung und Glück zu erleben, müssen wir lebendig sein. In gefrorenem Zustand können wir nichts fühlen. Es geht also darum, gefrorene Lebensbereiche aufzutauen und in den Frühling zu schicken. Das tun wir mit Hilfe von speziellen Aufstellungsformen und durch einen achtsamen und klugen Umgang mit Emotionen.

Was passiert, wenn wir die Betäubung wegnehmen? Dann kommen schmerzliche Emotionen. Doch keine Panik. Mit dem richtigen Wissen und der entsprechenden Technik wird das eine Unternehmung, die nicht erschöpft, sondern im Gegenteil belebt. Wenn der gefrorene Boden auftaut, wachsen die Blumen.

 

 

Hier sind einige wichtige Punkte für den Umgang mit Emotionen:

 

1. Die Gefühle des kleinen Kindes - „Zeitverschiebung“ beim Fühlen

Die meisten Menschen fühlen nach wie vor auf kindliche Weise, auch wenn sie schon längst erwachsen sind. Denn die Art, wie wir die Welt wahrnehmen, wurde in der frühen Kindheit geprägt. Sie ist älter als unser bewusstes Denken. Unsere Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster sind zum großen Teil unbewusst. In den seltensten Fällen wurden sie im Erwachsenenalter geprüft oder korrigiert, deshalb sind sie weitgehend unverändert kleinkindlich geblieben.

Ein kleines Kind ist verletzlich. Sein Leben ist zerbrechlich. Entsprechend bedrohlich können bestimmte Erlebnisse auf ein Kind wirken. Wenn die Mutter auch nur für 10 Minuten nicht da ist, kann das beim Säugling zu einem Gefühl der absoluten Verlassenheit und Verzweiflung führen. Ein kleines Hündchen oder ein Huhn können wie eine gefährliche Bedrohung wirken. Vieles, was uns Erwachsenen banal vorkommen mag, kann auf kleine Kinder lebensbedrohlich wirken. Entsprechend dramatisch können kindliche Reaktionen auf (vermeintliche) Bedrohungen sein.

Wenn kleine Kinder Erfahrungen von verlassen Sein, Mangel (Hunger, Kälte, fehlende Berührung usw.), Zurückweisung oder Bedrohung machen, kann sich das für sie anfühlen, als ob es um Leben oder Tod ginge.

Wie reagieren wir Erwachsenen auf Zurückweisung, Mangel, Bedrohung, auf verlassen werden? Vermutlich werden wir immer wieder dramatische Verhaltensweisen beobachten können. Wir sind zwar erwachsen, aber die Muster des Wahrnehmens und Fühlens sind bei Vielen weitgehend kindlich geblieben.

Wir befinden uns in der seltsamen Situation, dass ein großer Teil der Erwachsenen im Grunde des Herzens wie kleine Kinder funktioniert. Da sind Menschen, die tun Dinge, die nur Erwachsene tun dürfen (regieren, Sex, Autos steuern, Krieg führen), doch im Inneren sind sie immer noch Kinder.

Nicht richtig hier, nicht richtig dort. Das ist wie eine Traumwelt. Wir müssen aufwachen! Sonst sterben wir, ehe wir richtig gelebt haben und machen dabei die Welt kaputt.

 

2. Die Gefühle der Erwachsenen - Wahrnehmen im Hier und Jetzt

Ein wichtiger Schritt zum Aufwachen ist, dass wir erwachsen bleiben, während wir uns einer Sache, die uns ängstigt, aussetzen. Wir bleiben im Hier und Jetzt und weigern uns, die „Rutschbahn“ zu betreten.

Vermutlich fühlt sich das, was uns Angst macht, wie der persönliche Weltuntergang an. Wenn wir wach bleiben, können wir erkennen, dass wir es hier mit dem dramatischen Wahrnehmungsmuster eines kleinen Kindes zu tun haben.

Es gibt eine simple Methode, mit der Dramatik der Gefühle umzugehen. Diese Methode heisst Anhalten. Halte die alten Filme, die alten Programme an. Halte an und lass dich überraschen, was dann passiert. Wenn wir anhalten, erkennen wir, dass die ganze Dramatik zum größten Teil nichts als „virtuelle Realität“ ist, ein Film aus der Kindheit, ein Traum. Anhalten ist nicht leicht, aber simpel.

 

3. Der Schmerzkörper

Der Begriff Schmerzkörper kommt aus Asien. Er bezeichnet eine unbewusste psychische Funktion, die dafür zuständig ist, Schmerzen und Leiden „zu sammeln“. Der Schmerzkörper ist der Archivar des Leidens. Durch das Erleben von Schmerzen und durch das Erinnern vergangenen Leides wird der Schmerzkörper gestärkt. Er bekommt größere Bedeutung. Mit der Zeit entfaltet der Schmerzkörper eine Art Eigenleben. Er verlangt immer wieder nach neuem Leiden, um sich selber besser und deutlicher zu fühlen. Das Erleben von Schmerzen wird eine Selbst-Vergewisserung. Indem wir leiden, stärken wir vermeintlich unsere Identität.

Aus diesem Grund werden immer wieder alte Leidensgeschichten aufgewärmt oder neue inszeniert. Im Leiden fühlt der Schmerzkörper seine Größe. Das tut ihm gut. Er fühlt sich wichtig und sicher. Manche Schmerzkörper werden regelrecht süchtig nach Leid. Sie gieren nach immer neuem „Stoff“. Und deshalb ist es so schwer, das Leiden loszulassen. Eine alte Leidensgeschichte aufzugeben fühlt sich immer ein bisschen wie Sterben an.

Doch das Ganze ist ein folgenschweres Missverständnis. Das „Ich“ verwechselt sich mit dem Leid. Und das ist vermutlich der größte Fehler des Lebens. Ich bin viel mehr als der Schmerz. Das Leiden gehört zu mir, das ist klar. Aber es ist nur ein kleiner Teil von mir. Ich bin viel mehr. Ich brauche nicht den Schmerz, um mich zu vergewissern, dass ich da bin, dass ich stabil bin. Die Verwechslung von Ich und Schmerzkörper muss beendet werden.

 

4. Umgang mit dem Schmerzkörper

Wenn ich verstanden habe, dass ich nicht identisch mit dem Schmerzkörper bin, dann kann der Umgang damit ziemlich klar und einfach sein. Der Schmerzkörper ist eine von vielen Funktionen des „Ich“, weiter nichts. Das muss von innen her begriffen werden.

Ich kann dem Schmerzkörper wie einem lieben alkoholkranken Verwandten begegnen. Dieser Verwandte braucht Mitgefühl und Klarheit. Ich nehme ihn Ernst. Aber ich lasse mich nicht von den Inhalten seiner Suchtgeschichten mitreißen. Und vor allem liefere keinen neuen Schnaps.

Konkret bedeutet das: *Ich beende die Identifizierung mit dem Schmerzkörper. Ich bin. Der Schmerz ist nur ein kleiner Teil. *Ich lasse mich nicht einschüchtern oder fortreißen. *Ich bleibe fest in der Gegenwart verankert. Das Hier und Jetzt ist der sicherste Ort, den es gibt. Der Schmerzkörper ist zu 99% ein Phantom aus der Vergangenheit. In der Gegenwart bin ICH. *Die Lösung kommt aus der Gegenwart.

 

(März 2018)



Der Tiger auf deinem Weg

 

1. Die Geschichte

In Indien gibt es riesige Metropolen und winzige Dörfer. Die Geschichte, in die wir gerade hinein geraten, spielt in der Nähe eines Dörfchens im Urwald. Hier gibt es keinen Handy-Empfang und keinen Verkehr. Wer in die nächste Stadt will, muss zwei Kilometer zu Fuß durch den Wald gehen. Am Waldrand gibt es eine bucklige Straße mit einer Bushaltestelle. Einmal in der Woche kommt hier ein Bus vorbei.

Im Urwalddorf herrscht geschäftige Aufregung. In Kürze soll hier eine große Hochzeit gefeiert werden. Die Braut hat alle Hände voll zu tun. Hunderte von Gästen sind zu bewirten. So eine traditionelle Hochzeit ist kein Spaß. Tausend Dinge sind zu bedenken. Alles muss stimmen.

Heute in der Frühe macht sich die Braut auf den Weg in die Stadt. Sie muss zum Schneider, das Hochzeitskleid anpassen. Brautschmuck muss besorgt werden. Sie muss zum Blumenhändler und zum Bäcker. Mit den Köchen muss der Speiseplan durchgegangen werden. Die passenden Musiker müssen noch gefunden werden. Tausend Dinge stehen auf ihrer Liste. So vieles ist zu bedenken, so vieles könnte schief gehen. Und sie ist spät dran, wenn sie den Bus verpasste, wäre das eine Katastrophe.

So hastet sie, den Kopf voller Gedanken, den schmalen Urwaldpfad entlang. Sie sieht nicht die Schönheit des Morgens und hört auch nicht die Musik des erwachenden Tages. Sie ist in Eile, sie ist in innerer Not.

Und dann wird alles anders. Vor ihr ein scharfes Knurren. Sie hält an. Einige Meter vor ihr steht ein Tiger auf dem Weg. Beide stehen still und schauen.

Augenblicklich wird der Geist der jungen Frau leer und klar. Schneider, Bäcker und Köche sind vergessen. Die Frisur spielt keine Rolle mehr. Alles, was so dringend zu erledigen war, hat sich innerhalb eines Augenblicks in Luft aufgelöst. Das alles ist jetzt egal.

Die junge Frau ist so wach wie niemals zuvor.

 

2. Die Wirkung der Begegnung

Wenn dir der Tiger begegnet, zeigt sich augenblicklich, was wichtig ist und was nicht. Der „Kram fällt ab. Der „Kern“ wird wach und lebendig.

Was ist Kram und was ist Kern?

Der „Kram“ besteht aus allem Äußeren, z.B. aus Sitten, Traditionen, Verhaltensregeln, Erwartungen, die es zu erfüllen gilt. So heilig und unantastbar es uns auch erscheint - angesichts des Tigers ist es nichts als Ballast. Die Dinge der Vergangenheit spielen keine Rolle mehr. Die Pläne für die Zukunft brechen zusammen.

Jetzt zählt nur noch die unmittelbare Gegenwart, der jetzige Herzschlag, der gegenwärtige Atemzug. Und jeder Herzschlag, jeder Atemzug ist unglaublich kostbar.

Wer dem Tiger ins Auge schaut, wirft Vergangenheit und Zukunft ab und verwurzelt sich ganz im Hier und Jetzt.

Es ist paradox: Die Begegnung mit dem Tiger macht wach und lebendig. Ohne die Last des „Krams“ bist du leicht. Du kannst dich flink und angemessen bewegen.

Der Kram besteht vor allem aus grübelnden und schweifenden Gedanken, die überall sind, bloß nicht im Hier und Jetzt.

Der Kern besteht aus reiner Bewusstheit.

 

3. Der Tiger

Der Tiger kommt manchmal in Gestalt von Verlusten. Eine Liebe zerbricht. Die Arbeit wird gekündigt. Ein geliebter Mensch stirbt. Der Arzt stellt eine niederschmetternde Diagnose.

In solchen Fällen bewerten wir neu, welche Dinge im Leben wirklich wertvoll sind. Nach überstandenen Schicksalsschlägen ziehen manche Bilanz und gestalten ihr Leben neu. Der Tiger kann uns mit dem Wesentlichen in Kontakt bringen.

Wir sehnen uns nach Sicherheit. Wer wünscht sich schon einen Tiger? Aber wenn er kommt, dann sollten wir seine Kraft nutzen.

 

4. Hier und Jetzt

Auch ohne persönliche Katastrophen ist es möglich, das Geschenk des Tigers zu nutzen. Wenn alles gut geht, hat das Auftauchen des Tigers die Wirkung, dass wir alles Überflüssige abwerfen. Wir lassen unsere Lasten los. Diese Last besteht aus nichts als Gedanken: Aufgewärmtes aus der Vergangenheit, Grübeln über die Zukunft.

Wenn der Tiger kommt, wird der Kopf frei geblasen. Die Gedanken sind weg, dafür sind wir hellwach. Wir sind wach für das, was gerade passiert und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir angemessen reagieren.

Wir können dieses Seminar als Tiger betrachten. Lasst es uns probieren. Wir halten die ruhelose Plaudermaschine im Kopf an. Wir halten alles an, was uns von diesem Augenblick wegzieht. Lasst uns voll und ganz hier sein. Lassen wir uns von dem, was gerade geschieht, berühren.

Dann kommen wir auch mit dem inneren Kern in Berührung. Er besteht aus reiner Bewusstheit. Darum geht es.

 

(Januar 2018)

 

 

 

Eifrig studieren wir die Mücke an der Wand. Und wir sind blind für den Elefanten, der direkt vor unserer Nase steht. Das ist die Tragik unseres Lebens.

(Dezember 17)

 


Die Kunst des Gold-Machens

 

1. Kann ich meinen Emotionen trauen?

Wir Menschen haben Probleme und wir suchen nach Lösungen. Doch der Weg vom Problem zur Lösung ist oft sehr mühevoll und lang. Gibt es eine Abkürzung?

Ja, diese Abkürzung existiert. Aber sie ist nicht leicht zu gehen, denn viele unserer Gewohnheiten und Konditionierungen sträuben sich dagegen. Aber die Abkürzung existiert. Prinzipiell steht sie uns zur Verfügung - wir müssen nur bereit sein, diesen Weg zu gehen.

Die „Aufstellungen aus dem Geist der Gegenwart“, die wir hier praktizieren, wollen diesen Weg zeigen und praktische Erfahrungen damit vermitteln.

Und hier kommt der Kern-Satz, der uns beim Finden der Abkürzung leiten will:

„Das Problem liegt in der Vergangenheit. Die Lösung finden wir in der Gegenwart, in der Präsenz des gegenwärtigen Augenblicks.“

Wenn dieser Satz stimmt, dann müssen wir einfach die Tür finden, die von der Vergangenheit in die Gegenwart führt. Und schwupps! Schon sind wir in der Lösung gelandet.

Das klingt sehr einfach. Und doch ist es anspruchsvoller als man denkt. Denn meistens (ohne es zu ahnen) halten wir uns in der Vergangenheit auf. Alles Denken basiert auf Daten der Vergangenheit. Denken ist immer Nach-Denken, also eine Auswertung von etwas, was bereits vorbei ist. Das Denken hinkt dem aktuellen Augenblick immer hinterher. Schon Heinz Erhard hat uns nahe gelegt: „Glauben Sie nicht alles, was Sie denken!“

Mit dem Fühlen scheint das anders zu sein. Unsere Gefühle kommen uns echt und unmittelbar vor. Aber der Schein trügt. Die meisten Emotionen stammen aus der Vergangenheit, auch die, welche wir in diesem Augenblick fühlen. Denn Gefühle sind nicht objektiv. Erlebnisse, die für die einen schön und angenehm sind, können bei anderen Alpträume auslösen. Der Anblick von großen Hunden versetzt die einen in Verzücken, andere in Panik. Wieder andere läßt er völlig kalt.

Ob wir bestimmte Ereignisse positiv oder negativ bewerten, wurde uns schon in sehr frühen Jahren „einprogrammiert“ - von unserer Familie, von der Kultur, vom Leben selbst. Was die einen froh macht, kann andere wütend oder traurig werden lassen.

Wie es aussieht, sind unsere emotionalen Reaktionen Reflexe alter Muster. Und diese Muster sind meistens kindlich. Unser Lachen oder Weinen sagt vor allem etwas über früher - nur sehr selten etwas über heute.

Denken und Fühlen bewegen sich also vor allem in der Vergangenheit. Wir müssen alles in Frage stellen, wenn wir wissen wollen, wer wir heute sind. Wir müssen heraus finden, wie wir heute auf bestimmte Ereignisse reagieren. Denn die spontane Reaktion zeigt normalerweise das Programm von früher - das kindliche Programm.

Wie also finden wir die Abkürzung, die aus dem Leiden heraus führt? Mit anderen Worten: Wie werden wir die Identifizierung mit der Vergangenheit los?

Um das Thema noch genauer zu verstehen: Das Problem liegt nicht „in der Vergangenheit“. Der Stoff, aus dem unser Leiden besteht, ist die Vergangenheit selbst. Denn wir sind so innig mit der Vergangenheit verbunden, dass es uns schwer fällt, auch nur für Sekunden in der Gegenwart zu verweilen. Der Klebstoff, der uns mit dem Alten verbindet, hält uns im Leiden fest. Wie wir gesehen haben, sind es das Denken und das Fühlen, die uns immer wieder in die Vergangenheit werfen. Der Klebstoff steckt also schon in der Struktur unserer Wahrnehmung und unseres Geistes.

Es sind die Prägungen aus der Vergangenheit, die uns hindern, in der Gegenwart anzukommen. Wir sehen, fühlen und erleben die Welt durch die Filter der Vergangenheit. Was wir erleben, halten wir für echt. Aber nur selten entspricht es der Wirklichkeit. Meistens haben wir es mit verzerrten Spiegelbildern zu tun.

Und weil das so ist, weil wir so wenig Kontakt zur echten Wirklichkeit haben, sind wir oft so unzufrieden mit dem Leben. Von Spiegelbildern werden wir nicht satt. Spiegelbilder haben keinen Nährwert. Ohne Kontakt zum echten Leben zehren wir aus. Die Kraft nimmt ab, die Lebensfreude auch.

Wir brauchen also den Kontakt zu dem, was jetzt ist. Nur die Gegenwart ist echt. Und nur was echt ist, nährt uns. Sobald wir in der Gegenwart ankommen, sind wir an den Strom des Lebens angeschlossen.

Die Frage hieß: Wie werde ich die Vergangenheit los?

Ganz einfach. Ich lasse mich ohne etwas zu wissen und ohne etwas zu wollen auf den gegenwärtigen Augenblick ein. Ich verzichte auf Bewertungen und auf Ziele. Das einzige Ziel besteht darin, Erfahrungen mit dem Hier und Jetzt zu machen. Das ist alles. Das ist der kürzeste Weg in die Gegenwart.

 

 

 

2. Schmerzen in Gold verwandeln

Das Gold, um das es hier geht, gibt es nicht an der Oberfläche. Dieses Gold finden wir im Inneren der Erde, in der Tiefe.

Wir verlassen also den stolzen Gipfel mit der tollen Aussicht aufs Leben und wagen uns in die Tiefe. In den seltensten Fällen ist das ein heldenhafter Weg. Meistens ist es ein Absturz.

Wir rutschen vom Siegertreppchen. Wir fallen aus dem normalen Leben heraus. Wir funktionieren nicht mehr richtig. Wir versagen.

Auslöser sind meistens Verluste. Sie treffen und erschüttern unser Leben in seinen Grundfesten. Vielleicht ist es eine Krankheit, die alles in Frage stellt, vielleicht ist es der Tod eines geliebten Menschen. Oder wir müssen zusehen, wie unser Lebenswerk zusammenbricht.

Das Leben schlägt eine Wunde. Und wir stürzen hinein.

Und hier wird es spannend. Wenn wir uns einfach nur als ungerecht behandeltes Opfer fühlen, werden wir vielleicht hart und bitter. Wenn wir uns so schnell wir möglich wieder hoch arbeiten wollen, verpassen wir möglicherweise eine der wichtigsten Gelegenheiten unseres Lebens.

Die Voraussetzung fürs Gold-Machen ist, dass wir uns auf den Absturz und die damit verbundenen Erfahrungen einlassen. Keine Bewertung, kein Wissen, kein Wollen. Wenn das gelingt, dann sind wir richtig da.

In der Tiefe ist es dunkel. Hier sind wir orientierungslos und verletzlich. Das ist gut so. Das gehört zur Transformation.

Die Prinzipien des alten Lebens funktionieren hier unten nicht mehr. Die Maschine bleibt stehen. Es entsteht eine Pause, eine Lücke. Das ist die große Chance. Die Dunkelheit löst Schicht für Schicht der alten Selbstverständlichkeiten auf. Das „Müssen“ wird in Frage gestellt. Die Prioritäten stürzen in sich zusammen. Was ich bin, was ich weiß und was ich will, gilt hier unten nichts mehr. Im Angesicht der Dunkelheit, die immer ein kleiner Tod ist, fällt all das von uns ab. Die Bilder, die das Leben in uns eingeprägt hat, verschwimmen und lösen sich auf. Ob ich faul oder tüchtig bin, welche Weltanschauung oder Orden ich besitze, wird hier unten bedeutungslos. Hier unten darf abfallen, was nicht wesentlich zu mir gehört.

Das ist eines der innersten Geheimnisse des Gold-Machens: Hier unten darf abfallen, was nicht wesentlich zu mir gehört.

Auf diese Weise kommt mehr und mehr der innere Kern, das innere Wesen zum Vorschein. Das ist das Gold, das es zu finden gilt.

Im Angesicht der Dunkelheit, des Todes, fällt das Müssen ab. Das ist eine unglaubliche Befreiung. Wir können sein, wie wir sind. Alle Lasten fallen ab. Und wir werden überrascht sein von dem, was uns dann entgegentritt.

Doch um diese Transformation und Tiefe zu erleben, brauchen wir Mut. Wer sich auf den Schmerz, auf den Verlust, auf den Schicksalsschlag einlässt, kann mit großen Wandlungskräften in Berührung kommen und dadurch zu sich selber finden.

Wer dann, nachdem dieser Wandlungsprozess durchlebt wurde, wieder an die Oberfläche zurück kehrt, hat die Taschen, die Hände, das Herz voller Gold. Dieser Mensch ist dann ein Glück und ein Schatz für viele.

(November 17)



Meine Wut: Heiße Leidenschaft und Türöffner für innere Erkenntnis

 

Wut gilt als gefährlich, unberechenbar und zerstörerisch. Darum meiden wir es, ihr zu begegnen. Wer holt sich schon gern einen wildgewordenen Wikingerkrieger ins Haus?

Doch es geht auch anders. Wir können die Kraft dieses Kriegers nutzen, um zu tiefer Erkenntnis zu gelangen. Dabei gibt es weder Trümmer noch Wunden.

Der Zusammenhang von Wut und innerer Erkenntnis ist erstaunlich.

Wut ist ein Energieschub, der durch den Körper schießt. Diese Energie ist weder gut noch schlecht. Sie ist eine heiße Energie. Und alles hängt davon ab, wie wir diese Energie nutzen.

Wenn wir unsere Wut, diese gewaltige Kraft, kreativ nutzen, dann wird sie uns wertvolle Dienste leisten. Sie kann die Tür zu innerer Weisheit öffnen. Durch sie kann Festgefahrenes und Erstarrtes wieder in Bewegung geraten.

Die Wut ist also ein sehr kostbare Kraft. In unseren Seminaren stellen wir ungewöhnliche Techniken vor, mit denen wir die Wut auf kluge Weise für den Alltag nutzen können.

(Oktober 17)



Schätze und Liebe. Wo wir sie finden.

 

Das einzige Problem, das es mit der Liebe gibt, besteht darin, dass wir an den falschen Stellen suchen.Alle anderen Schwierigkeiten mit der Liebe entstehen aus diesem Grundfehler.

Liebe ist reichlich vorhanden. Sie ist keine Mangelware. Aber oft suchen wir an den falschen Stellen. Wer nach frischem Gemüse sucht und mit diesem Wunsch ins Fernsehgeschäft eilt, wird vermutlich enttäuscht werden - da kann der Fernsehladen noch so modern und chic sein.

Meistens suchen wir die Liebe außen. Doch dort werden wir nicht viel finden. Wir müssen innen suchen, in uns selber. Wenn wir dort keine Liebe finden, dann finden wir sie nirgendwo. Es gilt, im eigenen Inneren die Liebe aufzuspüren und zu entwickeln. Wer diesen Ort der Liebe in sich selbst gefunden hat, wird auch im Alltag immer wieder auf Liebe stoßen.

(September 17)

 

 

 

Fülle! Mit vollen Händen ins Leben greifen.

 

Die Natur überschüttet uns mit Fülle. Alles wächst voller Ungestüm. Manche Gärtner klagen über Wildwuchs und fühlen sich dem Sturm und Drang der grünen Explosion nicht gewachsen. In dieser Jahreszeit können wir den Aufbruch, die Kraft und den verschwenderischen Reichtum, mit dem die Natur um sich wirft, deutlicher als sonst erleben.

Doch wie sieht es im eigenen Leben aus? Platzen auch wir vor schierer Freude aus allen Nähten? Bricht uns das Glück lachend aus den Poren? Die Natur macht es uns vor. Können wir ihr folgen?

Wohlstand und Fülle sind weit mehr als Zahlen auf dem Kontoauszug. Fülle zeigt sich in der Art, wie wir mit dem Leben verbunden sind. Unsere Verbindung zum Leben entscheidet, ob wir Mangel oder Fülle erfahren. Wenn wir uns im Herzen vom Leben berühren lassen, dann erfahren wir Fülle.

Was hat es mit dem Herzen auf sich?

Wir haben in unserem Körper verschiedene Energiezentren. Zwei wichtige Zentren sind das Herz und das Gehirn. Über diese beiden möchte ich hier sprechen.

Das Gehirn ist großartig, geheimnisvoll und meistens geschäftig wie ein Ameisenhaufen. Es wimmelt vor Gedanken. Sie flitzen nach uns unverständlichen Mustern durcheinander. Vieles können wir mit unserem Gehirn erschaffen und erreichen. Frieden und Fülle gehören nicht dazu. Im Gehirn gibt es Vielfalt, aber keine Fülle. Fülle ist keine Mengenangabe. Fülle ist eine Qualität.

Die Qualität der Fülle können wir ausschließlich im Herzen erleben. Sobald wir die Welt vom Herzen aus betrachten, erleben wir Glück und Reichtum in Fülle. Alles ist reichlich vorhanden. Jedes kleine Kind hat dies in einer frühen Phase erlebt. Fülle ist unser natürlicher Urzustand.

Wenn wir das Glück vermissen, dann liegt das daran, dass wir am falschen Ort suchen. Um Glück und Fülle zu erfahren, müssen wir unser Herz aufsuchen. Das ist alles. Und es ist leichter gesagt als getan.

Warum sind wir so selten in unserem Herzen? Warum betrachten und steuern wir unser Leben zum großen Teil vom Gehirn aus?

Wir haben schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Wer sein Herz berührbar macht, riskiert es, verletzt zu werden. Und wir sind meistens zu dem Schluss gekommen, dass das Herz geschützt werden muss. So haben wir alle Schmerzen, Demütigungen und Niederlagen, die wir jemals erfahren haben, wie eine Mauer um unser Herz herum aufgetürmt - eine Mauer aus Schmerzen. Sie ist ein Sinnbild und Mahnmal, ein eindringliches Stoppsignal. In diese Klagemauer haben wir viel Geschick und Lebenskraft gesteckt. Bei vielen ist sie ein architektonisches Meisterwerk geworden, prachtvoll wie eine Kathedrale.

Doch ob prächtig oder nicht - die Mauer hat den Zweck, das Herz vor den Berührungen des Lebens zu schützen. Die Mauer hält Berührung fern - und damit verhindert sie auch die Erfahrung der Fülle. Mit dieser Mauer vor dem Herzen wird es schwer, das Glück zu erfahren.

Vermutlich ist es eine der größten Herausforderungen unseres Lebens, erlittenes Unrecht und erlittene Schmerzen loszulassen. So viel von unserer Identität steckt in der faszinierenden Leidensarchitektur. Und das sollen wir dem Verfall preisgeben? Oder gar der Abrissbirne?

Doch wenn wir glücklich sein wollen, führt daran kein Weg vorbei. Mauer oder Glück. Und es gibt keine Garantie. Das Leben überschüttet uns aus vollen Eimern mit Glück. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es dabei zu Beulen kommen kann.

(Juni 17)

 

 

 

Frühjahrsputz 2017

 

Unser Leben ist wie eine Wanderung. Wir laufen jahrein, jahraus durch verschiedene Landschaften. Und wir haben Gepäck dabei. Manche von uns sind müde. Vielleicht liegt das am Gepäck, das im Laufe der Jahre immer schwerer wird. Ich schlage vor, dass wir eine Pause einlegen und unsere Koffer und Rucksäcke neu sortieren.

Wir werden einiges finden, das wir nicht mehr brauchen. Unsere Kinderschuhe, die uns einst gute Dienste leisteten, können wir getrost aussortieren. Sie passen nicht mehr. Wir schleppen so viel alten Kram mit uns herum. Zeit für einen Frühjahrsputz!

Bestimmt gibt es eine Menge Sachen in unserem Gepäck, die wertvoll und nützlich sind. Die sollten wir hüten und pflegen. Und es gibt Kram, der uns wortwörtlich das Leben schwer macht. Davon können wir uns trennen. Manches, was uns belastet, ist schon sehr alt, eine Antiquität sozusagen. Nicht alles, was alt ist, ist auch gut. Es gibt Traditionen, die es verdient haben, endlich beendet zu werden. Die Blutrache ist z.B. in manchen Gegenden der Welt ein hoch geschätztes Kulturgut. Ist sie gut, bloß weil sie alt ist? Nicht alles Alte ist auch ehrwürdig. Es gibt vieles Alte, was endlich abgeschafft oder erlöst werden sollte.

Wir suchen Lösungen für Probleme. Das Wort "Lösung" sagt es schon: Manchmal geht es darum, Verbindungen aufzulösen. Knoten oder Fesseln können gelöst werden. Geister können erlöst werden.

Manche von uns sind an alte "Unglücksprogramme" gebunden. Einige dieser Programme sind so alt, dass sie längst zur Familientradition zählen. Sind sie deshalb schützenswertes Kulturgut? Und was tun wir mit den Traditionen von Gewalt oder von Opferdasein, von ererbter Hilflosigkeit, Trägheit oder Sucht?

Müssen wir jede Tradition fortsetzen?

Ich bin der Meinung, dass wir das Recht haben, uns zu entwickeln. Und dazu gehört, dass wir Überlebtes ablegen und hinter uns lassen. Von "Unglücksprogrammen" dürfen wir uns lösen. Vermutlich wären unsere Ahnen froh, wenn bereits sie die Möglichkeit dazu gehabt und ergriffen hätten.

Wenn es gut geht, kann mit uns eine neue Tradition beginnen - eine Tradition des Glücks.

(Mai 17)

 

 

Die Kraft des Schneeglöckchens

 

Wenn seine Zeit gekommen ist, bricht das Schneeglöckchen durch den Boden. Sein Wachstum überrascht mich immer wieder. Die Kraft, mit der diese zarte Pflanze ihren Weg durch harte, oftmals noch gefrorene Erde findet, ist für mich ein Musterbeispiel für Entwicklung in schwierigen Zeiten. Diese Blume entwickelt sich sanft, aber unwiderstehlich. Dieses Wachstum sieht unspektakulär aus. Es wirkt mühelos. Alles geht ohne große Geste, ohne Knall und Explosionen.

Wie bringt ein Schneeglöckchen dieses Kunststück zu Stande? Wie kann es mit seinem verletzlichen Körper den frostigen Boden durchdringen? Und was können wir für unser eigenes Wachsen davon lernen?

Die Methode, die es verwendet, klingt einfach. Das Schneeglöckchen erzeugt Wärme. Mit dieser Wärme taut es den Frost um sich herum auf. Auf diese Weise ist es keine große Herausforderung mehr, den Boden zu durchdringen und ans Licht zu kommen. Das alles passiert sanft und natürlich.

Was tun wir Menschen, wenn Entwicklungsschritte anstehen? Ich kenne zwei unterschiedliche Arten von Entwicklungsarbeit.

Bei TYP 1 müssen wir uns anstrengen. Wir müssen uns neues Wissen und neue Kompetenzen aneignen. Wir müssen Prozesse und Verhaltensweisen optimieren. Wir müssen unsere Komfortzone verlassen und ins stressige, gefährlich wirkende Unbekannte aufbrechen. Wir müssen, müssen, müssen. Das ist anstrengend. Dazu haben wir manchmal keine Lust. Oder es fehlen die Zeit und die Kraft. TYP 1 ist aufwendig und mühevoll. Und es bleibt immer das Gefühl: Trotz aller Optimierung ist es niemals gut genug.

Bei der Entwicklungsarbeit von TYP 2 folgen wir einem ganz anderen Weg. Wir suchen den Kontakt zu unserem Wesenskern. Dieser Weg gehört nicht zum allgemeinen Wissensschatz und ist deshalb vielleicht nicht leicht zu verstehen.

Was ist dieser sogenannte Wesenskern?

Manche Menschen werden vom Leben hart angefasst. Sie bekommen, im Bilde gesprochen, Beulen und Dellen. Der Lack springt ab. Eins nach dem anderen geht verloren.

Und trotzdem. Gerade in Zeiten der größten Not machen Menschen immer wieder die Erfahrung, dass ein Teil von ihnen unverletzt bleibt, ohne Kratzer und Verletzungen. Diesen Teil, der immer heil bleibt, auch wenn vieles in Trümmern liegt, nenne ich hier den Wesenskern.

Der Wesenskern ist die Quelle unserer Kraft. Wenn wir mit ihm in Kontakt sind, sieht die Welt anders aus als üblich. Wir fühlen uns verbunden. Der Kampf hört auf. Unser Energiepegel steigt. Die "Frequenzen" erhöhen sich. Aus Depression, Kummer und Schmerz steigen wir auf zu Leichtigkeit und Freude. Durch eine Erhöhung der Energie heben sich "automatisch" die Gefühle.

Das sind keine Theorien, sondern praktische Erfahrungen, die allen offen stehen. Solche Erfahrungen können wir hier und heute machen.

Die Verbindung mit dem Wesenskern ist keine schwere Arbeit und auch kein langwieriger Prozess. Wir brauchen nur wenig Zeit dafür. Es kann buchstäblich von einer Sekunde auf den anderen geschehen. Das funktioniert wie bei einem Lichtschalter. Ich betätige den Schalter - augenblicklich ist das Licht da.

Das Anknipsen des Lichtes ist kein langwieriger Prozess, weil der Strom die ganze Zeit da ist. Er muss nicht erst in Auftrag gegeben werden und zeitaufwendig hergestellt und an die richtige Stelle transportiert werden. Der Strom ist da. Sobald wir die Verbindung herstellen, geht das Licht an. Auch ein Keller, in dem es seit Jahrzehnten dunkel war, ist innerhalb von Sekunden in Licht getaucht. Wir müssen nur den Kontakt herstellen.

Theoretisch ist die Verbindung mit dem Wesenskern noch einfacher als das Anknipsen des Lichtschalters. Denn die Verbindung zu ihm ist die ganze Zeit ununterbrochen da. Wir sind uns dessen nur nicht bewusst, weil wir mit anderen Dingen beschäftigt sind. Das einzige was wir tun müssen, ist, diese Dinge, die uns so in Trab halten, für eine Weile abzulegen. Sobald wir sie aus der Hand legen, geht das Licht an. Wir werden uns der Verbindung bewusst. Die Energie steigt, die Gefühle heben sich. Was wir dafür tun müssen, ist eigentlich kein Tun, sondern ein Lassen. Wir lassen für eine Weile unsere Projekte, Prognosen, Einschätzungen, Sorgen und Optimierungspläne los. Das ist alles.

In unseren Seminaren befassen wir uns mit beiden Typen von Entwicklung. Beide ergänzen sich. Typ 1, die disziplinierte Arbeit an unseren Themen, ist den meisten von uns vertraut. Typ 2 ist weniger bekannt. Diese Strategie ähnelt der des Schneeglöckchens.

(März 17)

 

 

Die Spur des Glücks

Heute befassen wir uns mit einem Kriminalfall. Die Anklage lautet: Betrug, Vortäuschung falscher Tatsachen, Etikettenschwindel. Die Geschädigten sind wir selbst. Verdächtigt und angeklagt ist das Leben, genauer gesagt, das Glück. Das Glück ist flüchtig, leider, und kann deshalb nicht vernommen werden.

Wir haben das Leben im guten Glauben, dass alles gut werden wird, begonnen. Uns wurde in Aussicht gestellt, dass wir wie die Goldmarie im Märchen mit Wohltaten überschüttet werden würden. Das war eine grobe Täuschung. Der warme goldene Regen ist bei den meisten von uns ausgeblieben. Das Glück ist eine flüchtige und trügerische Erscheinung, eine Art Geist, der kommt und geht, wann er will.

Das Glück glänzt durch Abwesenheit. Wir heften uns an seine Spur. Doch wenn wir nach ihm greifen, halten wir nichts als warme Luft in den Händen. Wir hecheln ihm wie Bluthunde hinterher und fassen doch nur ins Leere.

Sind wir zu dumm? Müssen wir uns noch weiter ertüchtigen, bilden, optimieren? Müssen wir noch härter arbeiten, um das Glück im Wettlauf endlich einzuholen?

 

Vielleicht ist die Lösung viel einfacher als wir denken. Dass wir das Glück so selten zu Gesicht bekommen, liegt nicht an fehlender Geschwindigkeit, sondern daran, dass wir an den falschen Orten suchen. Denn wo suchen wir nach dem Glück?

Viele von uns stöbern in der Vergangenheit. Dort stoßen wir vielleicht auf Gründe für fehlendes Glück. Für eine gewisse Zeit kann dieses Stöbern wichtig und erhellend sein. Doch in der Vergangenheit werden wir kein Glück finden. So viel ist gewiss.

Und wenn wir in der Zukunft suchen? Das ist sehr beliebt. Wir denken: wenn wir erst einmal den Abschluss geschafft, das Projekt verwirklicht, den Urlaub begonnen, den Kredit abbezahlt haben - dann werden wir im Glück baden, dann werden wir glücklich sein.

Vergiss es. Der Wenn-dann-Mechanismus funktioniert beim Glück nicht. In der Zukunft wohnen die Träume, aber nicht das, was wir von Herzen suchen.

Neulich lief mit das Glück über den Weg. Da hat es mir seinen Wohnort verraten. Das Glück, so sagte es, wohnt nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Es lebt in der Gegenwart . Entweder wir finden es jetzt oder wir finden es nie. Das Glück wartet hier uns jetzt auf uns. Wir müssten einfach nur da sein, dann könnten wir seine Berührung spüren.

Es ist wie ein Witz: Nicht das Glück ist abwesend, sondern wir. Wir sind die Flüchtigen. Unser Leben ist eine ständig optimierte Flucht. Sobald wir in der Gegenwart ankommen, können wir bemerken, dass das Glück schon immer auf uns wartet. Es gibt nichts zu optimieren. Der Trick besteht darin, die Geschwindigkeit zu verringern und anzuhalten. Das ist alles. Wir lassen los und halten an. Wir lassen uns auf die Gegenwart ein. Und wir stoßen auf das Glück. Der Kriminalfall unseres Lebens ist gelöst.

(Januar 17)

 

 

Wunschlos glücklich

 

Vielleicht ist das ein Satz für Millionäre, für solche, die schon alles haben. Wer alles hat, ist glücklich. Stimmt das? Steigt das Glück mit dem Kontostand?

Ich möchte über den Zusammenhang von Glück und Wünschen nachsinnen. Was wissen wir über das Glück? Wir wissen, dass unsere tiefste Sehnsucht darin besteht, glücklich zu sein. Und über Wünsche wissen wir, dass ihre Erfüllung für kurze Zeit satt, aber nicht nachhaltig zufrieden macht.

Ich schlage vor, dass wir eine kleine Erkundungsreise starten. Wir reisen in die Welt unseres eigenen Geistes. Dort schauen wir uns gründlich um. Schon nach kurzer Zeit können wir etwas Eigenartiges feststellen. Der Geist eilt mit hoher Geschwindigkeit von einem Ort zum anderen. Darin ist er unglaublich gut. Er ist ein Meister des Gaspedals.

Nur eine Kleinigkeit hat unser Geist noch nicht gemeistert: das Anhalten. Er hat vergessen, wo die Bremse ist. Unser Geist ist wie ein Reisebus, der nirgendwo anhält. Wir rasen durch die schönsten Landschaften. Aber wir setzen nirgendwo den Fuß auf eine Wiese. Wir lassen keine Wellen um unsere Beine spielen. Wir sitzen niemals beim Sonnenuntergang auf einem Berg. Kein Verweilen. Der Bus fährt einfach immer weiter.

Was aber treibt den Bus an? Woher diese ständige Eile? Der Treibstoff des Geistes sind unsere Wünsche. Was wir auch erleben - wir sind selten zufrieden. In unserer Vorstellung könnte es immer noch besser sein, wenigstens anders. Wir sitzen in der Sonne und wünschen uns Schatten. Wenn wir im Schatten sind, hoffen wir auf Sonne. Wir liegen mit der Liebsten am Strand und phantasieren uns ins Kino oder in die Arme einer anderen. Die Autofahrerin träumt vom Wandern, der Fußgänger vom Fahren.

Schauen wir auf das Wünschen. Wünschen bedeutet als erstes: Uns fehlt etwas. Was wir haben, genügt nicht. Wir brauchen dies und das und jenes, damit es uns gut geht. Und daraus folgt eine Bewegung. Wir müssen fort von hier. So schnell wie möglich müssen wir diesen Ort des Mangels, dieses Tal des Jammers verlassen. Und daraus entsteht ein rasantes Tempo, eine rastloses Rennen des Geistes. Wenn der Wunsch dann endlich erfüllt ist, fehlt uns aber schon das nächste...

Diese Art der Wunscherfüllung funktioniert nicht.

Aber warum ist das so? Warum nur sind wir so schwer zufrieden zu stellen? Es liegt am Tempo. Je stärker der Geist aufs Gas drückt, desto unzufriedener werden wir. Das Geheimnis des Glücks finden wir nicht im Gaspedal, sondern in der Bremse.

Wir müssen langsamer werden. Wir müssen anhalten. Sobald wir aussteigen, werden wir gewahr, dass wir im Paradies sind.

Wenn der Bus ruht, öffnet sich das Paradies. Dann sind wir im Zustand der Zufriedenheit, der Erfüllung und des Glücks. Das Paradies liegt nicht in der Ferne. Es steckt in jedem einzelnen Augenblick. Schon jetzt sitzen wir mitten drin. Doch wir bemerken es nicht. Nur wenn wir anhalten und uns auf den besonderen Moment einlassen, öffnet sich die geheime Tür. So lange wir als flüchtige Touristen durchs eigene Leben eilen, berühren wir kaum die Oberfläche. Dann erfassen wir herzlich wenig von dem, was sich uns bietet. Wir müssen anhalten und verweilen, um den Zauber eines Ortes zu erfahren.

Das Geheimnis liegt in der Bremse, nicht im Gaspedal. Es geht nicht um Selbstoptimierung und die damit verbundene harte Arbeit. Das Glück finden wir viel eher, wenn wir aufhören zu suchen. Wenn wir uns berühren lassen.

Was heisst das nun konkret?

Wir könnten - probeweise - einen Entschluss fassen. Für einen Moment geben wir das Wünschen auf. Wir halten an und steigen aus. Der Reisebus ruht. Wir haben Zeit und lassen uns in diesem gegenwärtigen Moment nieder.

Ohne den Wunsch, dass es anders sein sollte, können wir uns niederlassen. Wir kommen zur Ruhe. Der Geist entspannt sich. Und im Verweilen beginnen wir, die Fülle des Lebens zu erfahren. Wir spüren, wie es hier und jetzt ist. Wir schmecken. Und weil wir die nötige Zeit und Ruhe haben, kosten wir alles aus, was das Leben uns bietet. Fülle liegt nicht in der Quantität, sondern in der Qualität.

Wunschlos glücklich! Wenn wir uns entschließen, die Wünsche ruhen zu lassen, kommt das Glück von alleine. Genauer gesagt - es muss nicht kommen, denn es ist ja immer schon da. Wir kommen an.

Wünschen heisst, dass wir fort von hier wollen. Glück heißt, im Hier und Jetzt ankommen. Lassen wir die Wünsche ruhen und genießen wir unser Glück!

(November 16)

 

 

Heimat

 

Unsere Gewohnheiten werden oft zu einer Art Heimat, selbst dumme und unangenehme Gewohnheiten. Wir haben es mit dem Phänomen des Stallgeruchs zu tun. Der eigene Stall duftet nach Heimat. Doch die wirkliche Heimat liegt viel tiefer.

Wenn ich meine Heimat finden will, muss ich aufbrechen... und dem gewohnten Misthaufen den Rücken kehren. Ich muss in eine fremde Welt voller unbekannter Gerüche hinaus. Die Heimat finde ich nur im Fremden.

(Oktober 16)

 

 

Glück

 

Das Geheimnis des Glücks finden wir nicht im Gaspedal, sondern in der Bremse.

(September 16)

 

 

In mir daheim...

 

Es ist wunderbar, in sich daheim zu sein. Wo du auch bist, bist du daheim. Wenn du dich traurig fühlst oder allein, bist du nicht daheim. Dann lebst du in anderer Leute Haus. (Willigis Jäger)

 

Dieser Satz des Zenmeisters Willigis Jäger drückt sehr schön aus, worum es in unserem Leben geht. Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, dieses innere Zuhause zu finden. Tief in uns drinnen gibt es die Ahnung, dass diese innere Heimat die alles entscheidende Sache in unserem Leben ist.

Schauen wir noch einmal auf den ersten Teil des Textes.

Es ist wunderbar, in sich daheim zu sein. Wo du auch bist, bist du daheim.

Dieser Ort liegt innen, nicht aussen. Wenn wir dieses innere Zuhause gefunden haben, sind wir im Frieden mit uns selber und mit der Welt. Und das hat höchste Priorität. Es ist sogar wichtiger als der Kontostand, die Gesundheit und die Anzahl unserer Zähne. Wenn wir im Frieden sind, mag passieren, was will.

So lange wir unsere innere Heimat noch nicht gefunden haben, bleiben wir unzufrieden. Dann fühlen wir uns selbst am schönsten Ort der Welt heimatlos. Auch Luxus unter Palmen kann die Ruhelosigkeit nicht stillen.

Es ist also von überragender Bedeutung, diesen inneren Ort zu finden.

Und jetzt kommt der zweite Teil.

Wenn du dich traurig fühlst oder allein, bist du nicht daheim. Dann lebst du in anderer Leute Haus.

Es ist wichtig, den Begriff „Heimat“ differenziert zu verstehen. Wir müssen zwischen dem äußeren und dem inneren Zuhause unterscheiden.

Das Lebenshaus, in das wir hineingeboren wurden, ist die äußere Heimat. Hier machen wir unsere grundlegenden Erfahrungen. Hier werden wir geformt und geprägt. Dieses erste Zuhause ist der Startpunkt für unser Leben. Doch es ist lediglich der Start, nicht das Ziel.

Dieses „erste Lebenshaus“ ist das Haus anderer Leute. Generationen von Menschen, die vor uns lebten, haben es errichtet, geformt und umgestaltet. Dieses Haus ist das Ergebnis von Erfahrungen und Ideen aus der Vergangenheit. Es ist unser Erbteil, doch nicht unser Ziel. Das Ziel ist ein anderes Haus: die innere Heimat.

Wir alle haben von Romeo und Julia gehört, dem berühmten tragischen Liebespaar. Romeo wuchs in ein „Lebenshaus“ hinein, das mit dem Zuhause der Julia seit Generationen verfeindet war. Der Haß der längst Verstorbenen hat die Liebe der Jungen zerstört. Wir ahnen und sehen, welchen Einfluss das Vergangene auf uns Heutige hat. Es ist sehr wichtig, dass wir bewusst und achtsam mit unserer Herkunft, mit der äußeren Heimat umgehen.

Mit diesem Thema befasst sich seit langem die klassische Familienaufstellung.

Doch es geht weiter. Frieden mit der äußeren Heimat ist nicht gleichbedeutend mit dem inneren Frieden, von dem unser Text spricht.

Es geht um das innere Zuhause, welches an keine äußeren Orte und Bedingungen gebunden ist. Um dort hin zu gelangen, müssen wir die Grenzen der geerbten Heimat überschreiten. Wir müssen akzeptieren, dass unsere geerbten Erkenntnisse, Werte und Traditionen lediglich ein Ausgangspunkt ist. Es geht darum, loszugehen, weiterzugehen, ins Unbekannte zu reisen. Die äußere Heimat ist eine Bushaltestelle. Sie ist der Beginn der Reise. Niemand sollte ernsthaft erwägen, für immer in ein Bushäuschen einzuziehen. Eine Bushaltestelle ist ein Ausgangspunkt, kein Ort zum Niederlassen.

Mit der ersten Heimat befassen sich die Familienaufstellungen. Und es gibt eine neue Form von Aufstellungen, die uns beim Finden des neuen Zuhauses unterstützen. Es geht hierbei um verschieden Abschnitte unseres Lebens, nicht um Konkurrenz.

 

Die Reihenfolge lautet also:

1.) Wir sichten und sortieren unsere Erbschaft. Das Vergangene wirkt in die Gegenwart und ist wichtig. Wenn wir über die Maßen ins Alte verstrickt sind, werden wir vermutlich den Aufbruch verpassen. Es besteht die Gefahr, das wir das Spiel der Alten weiterführen, ohne uns bewusst dafür oder dagegen entschieden zu haben. Es könnte sein, dass wir mehr „gelebt werden“ als selber zu leben.

2.) Die „Bushaltestelle“ wird verlassen. Aufbruch! Ab jetzt bewegen wir uns durch unbekanntes Gelände. Wir brechen ins Größere und Weitere auf. Dafür müssen wir Grenzen überschreiten und das Vertraute verlassen. (Dabei ist es schmerzhaft, dass Sesshaftigkeit landläufig mit Treue gleichgesetzt wird und Bewegung mit Untreue. Wer seine angestammte Heimat verlässt, läuft Gefahr, als Verräter betrachtet zu werden.)

3.) Jetzt sind wir auf der Suche nach dem Neuen. Wir machen uns darauf gefasst, dem Unerwarteten zu begegnen. Mit etwas Glück begegnen wir sogar dem Wunder. Wir entdecken unseren inneren Kern. Hier finden wir den Frieden, den wir unser ganzes Leben lang gesucht haben. Hier ist das innere Zuhause.

 

(August 16)

 

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Loslassen ist der Schlüssel, um in die Gegenwart zu gelangen. Die Gegenwart ist der Eingang zum Paradies.

(Juli 2016)

 

 

Loslassen

 

Loslassen fällt uns schwer. Nur ungern trennen wir uns von etwas Schönem. Und noch schwerer fällt es uns, erlittene Kränkungen und Verletzungen zu vergessen. Wir weigern uns, altes Leid einfach zu entsorgen. Im Gegenteil – wir pflegen und polieren erlittenes Unrecht und heften es uns als Orden an die Brust. Es scheint, als wären wir mit dem, was am meisten schmerzt, am innigsten verbunden. Schmerz und Leid sind ein großer Teil unserer Identität. Was bleibt von uns, wenn wir das Leid loslassen?

Hier können wir unserer tiefsten Angst begegnen. Unsere Identität wird bedroht. Unsere Welt könnte zusammenbrechen. Diese Angst ist berechtigt. Sie ist die Wächterin einer Tür, die in die Freiheit führt.

Wer das Leid loslassen will, muss bereit sein, die alte Identität hinter sich zu lassen. Etwas Altbekanntes wird aufgegeben, ohne dass das Neue schon da ist. Wie geht das? Wie kommen wir vom Alten ins Neue?

Schauen wir in unser biologisches Gehirn. Ein Gedanke, der von A nach B geht, hinterlässt eine messbare Spur. Dieser Gedanke baut einen Weg im Gehirn. Je öfter dieser Weg benutzt und begangen wird, desto breiter und komfortabler wird er. Wenn sich ein einzelner Mensch einen Weg durchs Maisfeld bahnt, dann ist das mühevoll. Wenn erst mal hundert Leute diesem Weg gefolgt sind, ist der Weg breit und bequem. Gut ausgebaute Wege ziehen den Verkehr an, die Gedanken rollen fast von alleine.

Wer etwas Neues erleben will, muss die Bequemlichkeit der altbewährten und gut ausgebauten Gedankenstraßen verlassen und sich einen neuen Pfad durch die „Wildnis“ bahnen. Das ist mühsam. Und es braucht eine Menge Disziplin, dass man nicht per Autopilot wieder auf der gewohnten Autobahn landet. Auf den alten Straßen kommt man nur an die alten Orte.

Und nun tauchen wir in die Tiefe unseres Geistes. Der Lichtstrahl unserer Aufmerksamkeit entscheidet darüber, was wir erleben.

Kurz gesagt, verfügt unsere Aufmerksamkeit über zwei Modi. Entweder wir sind mit dem verbunden, was gerade ist – oder wir sind es nicht. Wenn wir verbunden sind, dann befinden wir uns in der Gegenwart. Wir sind präsent. In der Gegenwart sind wir wirkmächtig. Wir sind an den Strom des Lebens angeschlossen.

Oftmals sind wir nicht präsent. Wir träumen. Unsere Gedanken schweifen durch die Vergangenheit oder streifen durch die Zukunft. In diesen Zuständen sind wir nicht mit der Gegenwart verbunden, sondern mit traumartigen Gedankenformen. Hier arbeiten wir uns an Illusionen ab. Wir sind wenig wirkmächtig. In diesem Zustand ermüden wir schnell.

Wenn wir altes Leid aufpolieren, befinden wir uns in der Vergangenheit. Vergangenheit ist immer ermüdend. Sie ist virtuell.

Wir müssen das Alte nicht bekämpfen und auch nicht bearbeiten. Es geht viel einfacher. Wir schalten in den Modus der Präsenz. Das klingt einfach, vielleicht zu einfach. Und doch ist es die größte Herausforderung und das größte Abenteuer unseres Lebens.

(Juni 2016)

 

 

 

Den Kampf beenden. Endlich nach Hause kommen...

 

1

Woher kommt die Unruhe? Woher kommt der Kampf? Manchmal denken wir, dass die Umstände daran Schuld sind: die Chefin, der Partner, der Kontostand, das Wetter. Wenn die alle etwas netter wären, dann ginge es uns (vielleicht?) besser. Manchmal denken wir, dass unsere Vergangenheit Schuld ist: die persönlichen Verletzungen und Mangelerfahrungen, die Familiengeschichte, das Schicksal des eigene Volkes und des Kulturkreises.Sicher, das alles wirkt auf uns. Doch die wahre Ursache unseres Kämpfens liegt noch tiefer. Wir finden sie in unserem eigenen Geist.

Wir können sofort eine Kostprobe nehmen. Sobald wir versuchen, still zu werden, gehen drinnen die Lautsprecher an. Unser Gehirn sprudelt. Es überflutet uns mit zahllosen Impulsen. Wir sind genötigt, sofort etwas zu denken, zu tun, zu planen, zu verändern. Hauptsache weg von hier! Angeblich ist jetzt alles andere wichtig – nur nicht die Erfahrung, in der ich gerade ankommen will. Vielleicht liegt gerade die schönste Frau der Welt in meinem Arm – aber mein Geist findet, dass ich mich mit der Steuererklärung befassen soll.

Hier ist die Wurzel des Kampfes. Der Geist kämpft in jeder einzelnen Sekunde gegen das, was gerade ist.

Unser Kopf ist rastlos wie ein Rummelplatz. Wenn wir Frieden finden wollen, müssen wir das Gedankenkarussel anhalten. Anhalten. Bei dem bleiben, was in diesem Augenblick geschieht.

Anhalten heißt: Wir bleiben im Augenblick. Wir schweifen nicht in Assoziationen ab. Wir interpretieren nicht, wir rutschen nicht in Geschichten.

Anhalten. Dann ist Frieden. Nur dann.

 

 

2

Noch in diesem Augenblick können wir den Kampf beenden. Wir müssen nur anhalten. Dann sind wir am Ziel aller unserer Wünsche. Aber wie geht das?

Anhalten bedeutet, dass wir exakt bei dem bleiben, was wir gerade erleben. Wenn es heiß ist, erleben wir Hitze. Punkt! Wenn wir in eine saure Gurke beißen, erleben wir den Geschmack mit allen zur Verfügung stehenden Geschmacksknospen. Punkt!

Wir bleiben da. Wir kosten aus. Wir bleiben bei der Erfahrung und flüchten nicht in Gedankenwelten.

Kleine Kinder, Katzen und Verliebte können das. Sie leben im Augenblick. Der Augenblick ist der Eingang zum Paradies. Der Typ, der uns vom Tor zum Paradies wegzerrt, heißt: Gedanken, Assoziation, Interpretation, Bewertung, Verbesserung.

Noch ein Wort zu den übereifrigen Gedanken. In den wenigsten Fällen haben sie eine echte Bedeutung für uns. Sie sind wie Drogen, die uns in Scheinwelten katapultieren. Gedankenwelten sind (bis auf wenige Ausnahmen) Seifenblasen ohne Substanz.

Die echte Welt finde ich in realen Erfahrungen. Eine Erfahrung ist das, was jetzt, in diesem Augenblick passiert. In der Erfahrung erleben wir Fülle. In Gedanken finden wir nur Mangel. Fast jeder Gedanke ist eine Variante des immergleichen Themas: Ich brauche! Ich brauche! Ich brauche!

Sobald wir dieses „ich brauche“ zur Seite schieben, hören die Gedanken auf. Und schon sind wir in der Gegenwart, im Erleben, in der Fülle.

(April 2016)

 

 

 

Herzen öffnen, Herzen schließen

Wie reagiert unser Herz auf Gefühle?

Wir durchwandern im Urlaub eine wunderschöne Landschaft, die Sonne scheint und unser Herz öffnet sich wie eine Blume. Unsere Liebste, unser Liebster betrügt uns und unser Herz verkrampft und schliesst sich.

Das Herz kann sich öffnen und schließen wie die Blende eines Fotoapparates. Heutzutage machen das die Kameras selbsttätig. Aber ich kenne noch die Zeit, in der man die Blende eigenhändig einstellen musste. Und so komme ich auf die eigenartige Idee, das wir das Öffnen und Schließen des Herzens nicht einem Automatismus, den jemand Fremdes programmiert hat, überlassen, sondern dass wir selbst die Steuerung übernehmen.

Wir haben ständig mit Gefühlen zu tun. Das geht nicht nur den Frauen so, sondern auch den Männern. Manche Gefühle sind so stark, dass sie uns aus der Bahn werfen. Wir werden von ihnen elektrisiert. Sie lassen uns in die Luft gehen. Oder sie ziehen uns die Füße weg. Manche Gefühle lassen uns tanzen, andere sorgen dafür, dass wir uns verkriechen wollen. Angenehme Gefühle sind selten ein Problem. Aber was machen wir mit unangenehmen, mit bedrohlichen Gefühlen?

Wir können unser Herz verschließen. Das ist wie eine Narkose. Mit verschlossenem Herzen fühlen wir wenig oder nichts. Wir nehmen das Bedrohliche nicht mehr wahr. Wir fühlen uns stabiler. Aber sind wir dadurch in Sicherheit?

Gefühle haben eine Funktion. Sie sind unsere Tastorgane, die uns mit der Aussenwelt verbinden. Sie sind eine Art Temperaturfühler. Sie helfen uns dabei, uns angemessen zu verhalten.

Betrachten wir Emotionen als Diener. Sie haben uns etwas zu sagen. Jede Emotion kann eine Tür zum Inneren meines Herzens öffnen. Emotionen, klug behandelt, führen uns zum spannendsten Ort der Welt – in die Schatzkammern der Weisheit.

 

(Oktober 2015)

 

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Glücklichsein ist die beste Gesundheitsvorsorge! (März 2015)

 

 

Kluger Umgang mit Angst und Panik

Grundsätzliches

* Manchmal werden wir von Emotionen regelrecht überfallen. Sie fesseln uns, stülpen uns einen schwarzen Sack über den Kopf und verschleppen uns in eine Gegend, in der wir nicht sein wollen.

Wir ahnen, dass das nicht der Ordnung entspricht. Emotionen haben eine dienende Funktion. Sie helfen uns bei der Orientierung in der Welt. Wenn ich der Sklave meiner Emotionen bin, sollte ich dringend etwas ändern.

* Emotionen sind unsere „Fühler“, mit denen wir einen großen Teil der Welt wahrnehmen. Mit ihnen tasten Ereignisse, Personen und Erinnerungen ab. Sie sind so etwas wie die Temperaturfühler an einer Heizungsanlage.

* Wir tasten also die emotionale Temperatur eines „Objektes“ ab. Das Ergebnis der Messung könnte heissen: Angst, Wut, Traurigkeit, Interesse, Liebe... Also: Da draussen steht ein Objekt mit der eben gemessenen emotionalen Temperatur.

* Vergessen wir für eine Weile unsere Besitzansprüche! Wenn mein Aussenthermometer -7 Grad anzeigt, dann ist das nicht „meine Kälte“, sondern einfach die Temperatur vor meiner Tür. Ähnlich ist das bei emotionalen Temperaturen. Sag also nicht: „Ich bin so ängstlich!“, sondern „Dort drüben nehme ich Angst wahr“! Das ist ein grosser Unterschied. Wem die Angst gehört, ist noch nicht geklärt. Ziemlich oft gehört sie gar nicht zu mir, sondern streunt zufällig in meiner Nähe herum.

 

Angst

* Emotionen wollen uns dienen. Und die Angst ist eine treue Beschützerin. Sie meldet sich, wenn es für mich gefährlich wird. Wenn ich nachts in einer fremden Stadt durch ein dunkles verrufenes Viertel gehen will, zupft sie mich am Ärmel und flüstert mir ins Ohr: „Geh lieber einen anderen Weg! Oder nimm dir ein Taxi!“ Diese Angst taucht bei konkreten Gefahren auf. Sie ist eine wache Intuition. Wenn ich mit ihr in Kontakt bin, werde ich wach und lebendig. Sie ist wie ein belebender Stromstoß und sie bringt mich zu 100 % in die Gegenwart. Es geht ums Hier und Jetzt – und es gibt etwas Wichtiges zu entscheiden!

Diese elektrisierende Angst ist nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Im Gegenteil. Sie ist kraftvoll und lebendig.

* Es gibt aber auch eine ganz andere Sorte von Angst. Die legt sich wie dicker zäher Nebel auf dein Leben und auf dein Gemüt. Diese Angst lähmt und bedrückt. Sie macht dich klein, krumm und einsam. Wenn sie über dich kommt, fühlst du dich unentschlossen, schwach und müde.

Der Kampf gegen diese klebrige, lähmende Form der Angst ist aussichtslos. Denn diese Angst hat keinen Inhalt und keine Form. Sie ist nichts weiter als ein Loch in deinem Energiesystem. Immerhin hat sie eine wichtige Botschaft für dich. Sie ist die Warnlampe an deinem Akku. Sie zeigt, dass dein Energiepegel bedrohlich tief steht. Du bist fast leer. „Bitte sofort aufladen!“ heisst die Botschaft dieser Angst.

Es ist also nicht erfolgversprechend, sich mit den Inhalten dieser unspezifischen Angst zu befassen. Fast alles kann zum Inhalt einer unspezifischen Angst werden. Doch die Angst verschwindet, sobald der Energiepegel wieder steigt. Du brauchst keine Analyse, sondern eine Ladestation.

 

Panik

* Wenn uns die Panik packt, geraten wir ausser uns. Und wer ausser sich ist, hat das Steuerrad aus den Händen gegeben.

* Ich schlage vor, der Panik eine Skala vor die Füße zu legen. Das eine Ende der Skala nennen wir äusserste Verlassenheit“. Hier bist du ein Nichts. Du hast nichts. Und was du hast, zerrinnt dir zwischen den Fingern. Der Boden unter deinen Füßen öffnet sich und du stürzt ins Bodenlose. Das ist die Panik.

Das entgegengesetzte Ende dieser Skala heisst Dankbarkeit. Alles, was du brauchst, hast du reichlich. Du ruhst in dir bist mit der Welt im Frieden. Dankbar kostest du jeden Moment deines Lebens aus.

Auf dieser Skala kannst du dich bewegen. Fühle dich frei und erprobe eine andere Position. Es gibt viel zu erleben.

* Was will sich in der Panik ausdrücken? Es gibt innere Anteile und Themen, die sich mit großem Nachdruck Gehör schaffen wollen. Es lohnt sich immer, dieser Frage mitfühlend und unvoreingenommen nachzugehen.

* Gibt es einen aktuellen Grund, eine akute Bedrohung, auf welche die Panik hinweisen will? Wenn ja, dann handelt es sich um eine dringende Warnung, um einen konkreten Dienst der Panik.

* Oft haben wir keine persönlichen Gründe, mit denen wir panische Reaktionen verstehen könnten. Manchmal liegen die Gründe im System. Vielleicht bin ich in Resonanz mit einer alten Geschichte gekommen, die immer noch aktiv ist.

 

Praktisches

* Vor allem: nicht ausser sich geraten! Komm zurück. Fühl den Boden unter deinen Füßen. Fühle deinen Körper. Verbinde dich mit der Gegenwart!

* Prüfe deinen Energiepegel. Verbinde dich mit deiner Ladestation.

* Nimm aus der Position der Verlassenheit Kontakt mit der Dankbarkeit auf. Von der Position der Dankbarkeit schau auf die Verlassenheit.

* Versuche die Botschaft der Panik zu verstehen.

 

(Februar 2015)

 

 

Die Liebe

Wer von der Liebe spricht, hat dabei oft rote Herzen, Rosen und ein grandioses Geigenorchester im Sinn. Diese Zutaten spielen eine wichtige Rolle, vor allem in der ersten Phase der Liebe. Das ist die Einleitung, die Overtüre. Danach aber geht die Reise erst richtig los.

Mit der Zeit ändert sich die Landschaft der Liebe. Man schwebt nicht mehr zwischen Wolken, sondern fühlt Granit unter den Füßen. Irgendwann geht es in den Abgrund hinunter. Und wer dann immer noch weiter geht, kommt in erstaunliche Gegenden, wo man Schätze und Wunderdinge finden kann.

Liebe kann erschreckend sein. Sie zerstört Sicherheiten und setzt aufs Risiko. Liebe ist meine Art, mich mit der Welt zu verbinden. In welcher Weise mache ich das?

Vielleicht verbinde ich mich zweifelnd. Auch die Wut, die Angst, die Scham oder das Lachen können Arten der Verbindung sein. Wer sich verbindet, gibt Sicherheiten auf. Ich verlasse meine Festung und mache mich damit verletzlich. Ich lege meine Rüstung, meinen Doktorhut, meine Orden, meinen Schmuck, meine Schminke, meinen Rettungsring und meinen Geldgürtel ab.

Für eine tiefe Verbindung muss ich nackt sein, ohne Versteck und ohne Verstellung. Wenn ich nackt bin, bin ich echt. Wenn ich echt bin, bin ich bei mir.

Liebe ist meine Art, mich mit mir selbst zu verbinden. Indem ich mich mit anderen verbinde, komme ich näher zu mir selbst. Und nur, wenn ich bei mir selber bin, kann ich mich mit anderen verbinden. (Januar 2015)

 

 

Lob der Unzufriedenheit

Wer mit seinem Leben unzufrieden ist, hat sich vielleicht einfach zu früh zufrieden gegeben.

Eigentlich weisst du genau, dass du den Gipfel des Berges besteigen willst. Aber weil das kleine Lokal auf halber Höhe ist so gemütlich ist, verschiebst du den Aufstieg ...Woche um Woche. Nach Jahren gelingt es dir, die Kneipe zu erwerben. Du renovierst den ganzen Lade und verbesserst die Speisekarte. Das Geschäft floriert. Du bekommst Ehrungen und Preise für deine innovativen Ideen. Doch auf dem Gipfel bist du noch immer nicht gewesen.

Die Unzufriedenheit, die sich wie Galle unter deine Erfolge mischt, ist eine treue Wächterin. Sie will dich erinnern, dass dein eigentlicher Traum noch wartet.

Er verschimmelt. Das Leben wird kürzer. Und das Wichtigste ist noch nicht erreicht. (Dezember 2014)

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Traurigkeit

Traurigkeit ist die Aussenseite der Liebe. (Oktober 2014)

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Angst

Bei genauer Betrachtung können wir erkennen, dass die "Daseinsangst" ein Anzeiger für meinen Energiehaushalt ist. Angst zeigt mir, dass mein Energiepegel nach unten gerutscht ist. Sie weist mich auf ein Loch in meinem Energiesystem hin.

Wenn ich aktiv werde und meine Energie wieder auffülle, verschwindet die Angst. Oft verwandelt sie sich in eine andere Emotion.

Was könnte das für den Alltag bedeuten? 1. Wenn mich mal wieder ein unspezifische Angst lähmt und mich vom prallen Leben fern hält, dann probiere ich etwas Neues aus. Ich befasse mich nicht mit den Inhalten der Angst (denn die sind austauschbar), sondern mit meinem Energiehaushalt. 2. Damit ist schon ein grosser Teil der Arbeit geschafft. 3. Dann erkunde ich, was mir gut tut und wie ich meinen Energiepegel anheben kann. Kennt jemand ein spannenderes Forschungsprojekt?

(Juli 2014)

 

Wunder

Nach dem Losgehen kommt das Wunder. So ist die Reihenfolge.

(Mai 2014)

 

Wut

Wut ist die Außenseite der Traurigkeit.

(März 2014)

 

 

In mir zu Hause

Nicht immer passen die Innenseite und die Aussenseite eines Hauses zusammen. Manchmal erlebt man Überraschungen.

Vor Jahren war ich bei Leuten eingeladen, die in einer sozialistischen Plattenbausiedlung lebten. Draussen war alles einheitlich karg und grau, eine Wohneinheit glich der anderen. Hinter der Wohnungstür aber erwartete mich barocke Fülle: geschnitzte Möbel, Tische mit geschwungenen Beinen, Samtsofas, Teppiche, Fransen.

Ein anderes Mal kam ich zu einem barocken Schloss. Aussen ein kunstvoller Garten mit Skulpturen und Springbrunnen. Die Fassade strahlte in Weiss und Gold. Von innen aber war das Schloss eine Baustelle: kahle Räume, verrottete Fußböden, Schutthaufen, Betonmischer.

Nicht nur Häuser haben Innen- und Aussenseiten. Wir Menschen haben das auch. Die Fassade ist für die Öffentlichkeit bestimmt. Und innen, dort wo es nur selten Zuschauer gibt, kann es ganz anders aussehen.

Ich denke an einen muskelbepackten, waffenbehängten Filmhelden. Wer wohnt hinter dieser Fassade? Vielleicht ist es ein kleiner, ängstlicher Junge, der nach seiner Mama ruft. Kann auch sein, dass er tatsächlich so ist, wie er aussieht. Oder die beiden wechseln sich ab. Vielleicht gibt es noch mehr, die dort wohnen. Wer weiss das schon so genau...

Wenn ich heute zu mir nach Hause kommen würde, zu meiner inneren Adresse, dort wo ich wirklich wohne... würde mir jemand die Tür aufmachen?

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Der Fluss des Lebens lässt sich nicht begradigen. Was für ein Glück!

(Januar 2014)

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Auf der Ebene des Problems gibt es keine Lösung. Auf der Ebene der Lösung gibt es kein Problem. Was brauchst du, um die Ebenen zu wechseln?

(November 2013)

 

 

Das vergrabene Herz

In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es eine kleine Bibliothek und in der Bibliothek stand ein Regal mit Märchenbüchern aus aller Welt. Ich habe sie alle gelesen, viele mehrmals.

Ein bestimmtes Märchenmotiv ist mir schon damals besonders aufgefallen. Es findet sich rings um den Globus und geht (in Kurzform) ungefähr so:

 

Ein böser Zauberer tyrannisiert das Land. Er haust abgeschieden von den Leuten im Wald in einer kargen Hütte. Man munkelt, in der Asche unter seiner Feuerstelle wären sagenhafte Schätze vergraben. Schon viele Helden sind losgezogen, um den bösen Alten totzuschlagen, aber keiner der jungen Recken ist lebend zurück gekommen. Der alte Zauberer verfügt offensichtlich über große Macht. Man sagt, daß er unverwundbar sei.

Eines Tages beschließt eine schöne junge Frau, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Sie zieht in den Wald und nimmt eine Arbeit beim Zauberer an. Allmählich gewinnt sie sein Vertrauen und erfährt, daß der Alte unverwundbar ist, weil er sein Herz an einem geheimen Ort vergraben hat. Mit List und viel Geduld entlockt die Frau dem Zauberer weitere Einzelheiten des Geheimnisses. Und dann, als der Zauberer für einige Tage auf Reisen ist, macht sie sich auf den Weg, um das Herz des bösen Alten zu suchen.

Ihr Weg führt sie an gefährliche Orte. Sie muß durch einen dunklen Wald wandern, in dem Ungeheuer über sie herfallen. In der Mitte des Waldes ist ein schwarzer See. Dort muß sie hineinspringen und mit einem Wasserungetüm kämpfen, das auf dem Grunde des Sees haust. Sie schneidet den Bauch des Ungetüms auf und ein Fisch flitzt ins Freie. Den Fisch muß sie fangen. Im Bauch des Fisches liegt ein Schlüssel. Mit dem Schlüssel in der Tasche geht sie zurück zur Hütte des Zauberers. Sie gräbt in der Asche unter der Feuerstelle und findet eine eiserne Truhe. Der Schlüssel paßt. In der Truhe pocht ein Herz. Als sie es berührt, zerfällt der Zauberer und mit ihm der ganze Spuk zu Staub. Die Hütte wird zu einem Schloß, der Zauberer zu einem Prinzen. Und endlich gibt es die wohlverdiente Hochzeit...

So oder so ähnlich erzählt man es sich rings um die ganze Welt.

 

Was kann mir diese alte Geschichte sagen?

1. Traue nie der Oberfläche. Suche tiefer. Im Wald ist ein See, im See ist verbirgt sich ein Ungeheuer, im Ungeheuer steckt ein Fisch, im Fisch findet sich der Schlüssel.

2. Ekle dich nicht vor Asche. Vielleicht ist darunter ein Schatz vergraben.

3. Der Schatz liegt meistens vor unseren Füßen. Aber der Weg bis dort hin kann lang sein.

4. Ich bin der Zauberer und ich bin das Mädchen. Ich bin das tyrannisierte Volk, der Wald, das Ungeheuer, der Schlüssel. Ich bin die Asche, die Truhe, das Herz und schließlich auch das goldene Schloss.

5. Aufstellungen, so wie ich sie verstehe, sind nichts anderes als die Suche nach dem vergrabenen Herzen. Was auch immer wir im Leben suchen: Es geht um ein vergrabenes Herz.

6. Letztlich geht es nicht um eine Analyse der Umstände, sondern um einen Spaten und um einen Schlüssel. Sobald das Herz berührt wird, enthüllt sich das wahre Wesen unseres Lebens.

(Oktober 2013)

 



Einsam oder verbunden?

Wie geht es mir in diesem Moment? Fühle ich mich mit den Menschen um mich herum verbunden? Oder bin ich distanziert, abwartend, kritisch, ablehnend?

Wie fühle ich mich mit den Dingen, die gerade zu tun sind? Bin ich mit meinen Handlungen verbunden? Oder stehe ich einsam daneben?

 

Unser Leben verändert sich. Mal fühlen wir uns einsam, dann wieder innig verbunden. Das hängt damit zusammen, daß wir verschiedene Wahrnehmungszentren mit unterschiedlichen Qualitäten haben.

Unser analytischer Verstand bündelt die Wahrnehmung auf einen scharf umgrenzten Punkt. Mit großer Genauigkeit können wir die Warze am Finger einer schönen Frau untersuchen, bis hinein in die Zellstruktur. So können wir Erstaunliches entdecken. Doch diese Art der Wahrnehmung hat einen Preis. Wir müssen die Zusammenhänge ausblenden. Vielleicht freut sich der Mann am Mikroskop über die Formen der Zellstruktur. Aber die Schönheit der Frau, ihr Lächeln, ihre raffinierte Frisur sieht er durch sein Mikroskop nicht. Die analytische Wahrnehmung isoliert. Hier liegt eine Ursache der Einsamkeit.

Neben diesem verengenden, fokussierenden Blick haben wir aber die Möglichkeit, unsere Wahrnehmung auszuweiten. Wir schauen nicht auf ein isoliertes Objekt, sondern auf das Beziehungsgeflecht, in dem wir das „Ding“ antreffen. Die Warze ist ein winziges Stück einer Frau. Und diese Frau ist Teil einer Familie, hat ihren Platz in verschiedenen Organisationen, in einer Gesellschaft und in einer Kultur.

Diese Blickweise zeigt uns die Zusammenhänge. Wir sehen weit, aber ohne besondere Detailschärfe. Wenn wir auf die Beziehungen in der Welt sehen, fühlen wir uns oft verbunden.

 

Wahrnehmung, die uns isoliert

Einsam oder verbunden?

Es gibt noch eine tiefere Ebene. Und die liegt in der Struktur unserer Wahrnehmung.

Wir haben ein starkes Ich-Gefühl ausgebildet, welches uns oft gute Dienste leistet. Alles, was mir begegnet, wird „automatisch durchgescannt“, ob es für mich (mein Ich-Gefühl) erstrebenswert oder gefährlich ist. Das ist nützlich. Aber es hat den riesigen Nachteil, daß ich die Welt immer nur gefiltert erlebe. In meiner Wahrnehmung dreht sich die Welt immer nur um mich.

Wir erleben also nicht die Welt. Wir erleben eine ichbezogen-gefilterte Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Das heißt: Wir sind nicht in Kontakt. Das Gehäuse der Ichbezogenheit schirmt uns von der Wirklichkeit ab. Das ist ein Schutz. Und das ist gleichzeitig Isolierung. Hier ist die Wurzel unserer Einsamkeit.

 

Verbundenheit

Schutzmauern können zum Gefängnis werden. Jetzt geht es darum, das Gehäuse unseres Ich-Gefühls zu vergrößern. Ein Fenster öffnen, eine Luke aufstoßen, ungefilterte Luft hereinlassen.

Die Wirklichkeit „einfach so“ an uns heranlassen. Wer das jemals erlebt hat, weiß, was ein erfülltes Leben ist.

Es gibt nichts Stärkeres und zugleich Einfacheres als die Wirklichkeit.

Das Ich-Bewußtsein ist nur ein winziger Teil unseres wahren Wesens. Erweitern wir unsere Wahrnehmung!

Im Kontakt mit der Wirklichkeit erleben wir Schönheit, Kraft und Glück.

Erfahren wir, wer wir wirklich sind!

 

Unser Kern

Unser „Ich“ ist verletzlich. Hier sind wir alle verbeult, verbogen, beschädigt. Wir alle haben wunde Stellen. Manche sind traumatisiert und fühlen sich kaputt, reif für den Schrott.

Die gute Nachricht: Das „Ich“ ist nur ein kleiner Teil von uns. Unser „Kern“ ist heil. Jenseits vom Ich sind wir gesund.

Im Bilde gesprochen: Auch der schwerste Schlag kann uns schlimmstenfalls die Jacke zerreißen. Vielleicht ist die Jacke kaputt. Aber wir selber sind heil geblieben.

Dieser heile Kern kann zu einer wichtigen Kraftquelle für uns werden.

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Paradies (2)

Wir alle sehnen uns nach einem kleinen Paradies in unserem Leben. Und dieses Paradies suchen wir an den verrücktesten Plätzen: in weichen Betten, in Häusern, im Erfolg, im Geld, in anderen Menschen...

Und viel zu selten kommen wir dort an! Dabei könnte alles ganz einfach sein, denn das Paradies ist der Kern und das Wesen eines jeden „Dings“.

Wir müssen nur den Eingang finden.

Also: Schluß mit dem Hetzen. Hinsetzen. Schauen. Staunen. (Februar 13)

 

 

Akt und Potenz

Beim Studium philosophischer Schriften bin ich auf eine „Lesebrille“ ge­stoßen, die uns für viele aktuellen Fragen den Blick schärfen kann.

Diese Brille stammt aus dem Mittelalter. Auf dem einen Brillenglas steht AKT, auf dem anderen POTENZ.

Akt und Potenz: Das sind zwei verschiedene Blickwinkel, mit denen wir die Welt und vor allem uns selbst betrachten können.

 

Akt ist, was Fakt ist. Akt ist ein bereits umgesetzter Plan, ein verwirk­lichtes Projekt: zählbar, meßbar und wiegbar.

Das Wort Potenz umschreibt die noch nicht verwirklichten Möglichkei­ten, die in einer Sache stecken. Die Chancen, die in einem Menschen schlummern.

 

Da liegt vor uns auf dem Wickeltisch ein neugeborenes Baby. Alter, Maße und Gewichte können wir unter Akt abhaken. Genauso die Tatbestände, daß das Kindlein viel schreit, viel schläft, unklare Geräusche von sich gibt und in die Windeln macht.

Wer nur den Akt sieht, wird Kinder vielleicht als eine sehr trostlose An­gelegenheit wahrnehmen. Zum Glück wissen wir um die Potenz, um die grandiosen Entwicklungsmöglichkeiten, die in jedem Menschen stecken.

Wenn wir klug handeln wollen, gilt es, beides zu sehen: Den Akt und die Potenz. Sie sind die beiden Pole, zwischen denen sich das Leben ab­spielt.

 

Für mein persönliches Leben bedeutet dies: Was Fakt ist, verändert sich. Ich bin immer unterwegs. Mein Weg führt immer tiefer in die Verwirkli­chung meiner Potentiale hinein. Das Verwirklichte wird mehr. Und damit verändern und schärfen sich auch die Potenziale. Probleme (die manch­mal unveränderbar erscheinen) sind einfach Entwicklungsschritte auf dem Erkenntnisweg.

 

Unsere wahre Potenz

Hier reden wir nicht über Kleinkram. Es geht darum, unsere größten und tiefsten Potenziale zu berühren und wahrzunehmen.

Aber wie kommen wir dort hin? Wie gelangen wir zur Erkenntnis unseres innersten Wesens?

 

Um uns dem anzunähern sollten wir untersuchen, auf welche Art wir normalerweise die Welt erkennen. Laßt uns einmal für eine Minute unse­re Gedanken beobachten...

Schon nach kurzer Zeit können wir bemerken, wie schwer das ist. Unse­re Gedanken sind ständig in Bewegung. Alles wird kommentiert und bewertet.

Ich laufe zum Beispiel durch den Wald. Meine Gedanken „scannen“ alles, was ihnen in die Quere kommt. Jeder Ast wird einsortiert: gefällt mir, gefällt mir nicht, sieht gefährlich aus, wirkt harmlos...

Ich kreise um Erinnerungen. Dieser Baum dort erinnert mich an einen Platz aus meiner Kindheit, damals war... - und schon bin ich weg; irgendwo; weit entfernt vom Hier und Jetzt.

Sehr schnell zeigt sich die Erkenntnis:

Wir erleben nicht die Wirklichkeit. Wir erleben nur unsere Gedanken über die Wirklichkeit.

Wir sind in einem Gespinst der Ichbezogenheit gefangen. Dieses „klebrige Gehäuse“ verleiht uns das Gefühl von Sicherheit. Und noch mehr trennt es uns von der wirklichen Wirklichkeit.

Wir kreisen die meiste Zeit um uns selber und haben dabei wenig Kontakt zur Welt, nicht mal zu uns. Kein Wunder, wenn wir uns einsam und verlassen fühlen.

 

Unser Experiment nähert sich dem Höhepunkt.

Mal angenommen, wir halten das ununterbrochen dudelnde Gedanken­karussell einfach an.

Es wird still. Wir erleben, daß Isolation eine Illusion ist. Wir erfahren unsere Verbundenheit mit dem Baum und mit uns selbst. Mit allem und jedem sind wir zutiefst verbunden.

Aus dieser Erfahrung der wirklichen Wirklichkeit entspringen die mystischen Erfahrungen, von denen uns Menschen aus allen Zeiten und aus allen Kulturen berichten.

Hier wartet unsere Potenz. Hier sind wir zu Hause. Hier ist das Ziel unseres Erkenntnisweges. (Januar 2013)

 

 

Die Tiefe

Die Tiefe zeigt sich an der Oberfläche. (Dezember 2012)

 

Trampelpfade im Gehirn

Was zeichnet lösungsorientierte Aufstellungen aus?

Ich möchte dazu ein paar Hinweise aus der Sicht unseres Gehirns geben.

 

Von der Gehirnforschung wissen wir: Alles, was wir denken, fühlen und tun, hinterläßt in unserem Gehirn Spuren. Ein Gedanke erschafft eine Verbindung zwischen den entsprechenden Gehirnzellen. Und jedes Mal, wenn wir diese Verbindung benutzen, wird sie deutlicher und stärker. Ein Gedanke erschafft also Spuren. Wenn wir uns öfter in denselben Spuren bewegen, werden daraus Trampelpfade, Wege, Straßen, Autobahnen.

 

Und wir wissen ja: Bequeme Wege werden gern benutzt. Es gibt also eine Wechselwirkung zwischen Wegen und Gedanken. Ein Gedanke schafft einen Weg. Neue Gedanken folgen gern einem bereits gebahnten Weg. Das ist einfacher, als neue Wege im Unbekannten anzulegen.

So kommt es, daß wir uns so oft im Immergleichen bewegen, manchmal ein halbes Leben lang im Kreis marschieren.

Schmerzliche Erlebnisse graben sich besonders tief ein. So kommt es, daß wir jahrelang um längst vergangene Schmerzen kreisen können. Das ist der Sog der gewohnten Wege. Oder denken wir an die immer gleichen Verhaltensmuster bei uns und bei anderen. Warum ist es so schwer, alten untauglichen Kram abzulegen? Das hat mit der Kraft der ausgetretenen Wege in unserem Gehirn zu tun.

 

Was also können wir für die Verknüpfungen unseres Gehirns tun?

  1. Die Sogkraft der gewohnten Wege wahrnehmen.

  2. Die ewige Kreisbewegung unterbrechen.

  3. Dann muß ich Energie sammeln.

  4. Und dann Schritte ins Unbekannte. Eine neue Spur anlegen.

     

Die Funktionsweise unseres Gehirns scheint uns zu sagen, daß es nicht sinnvoll ist, sich immer und immer wieder um die alten Probleme zu drehen. Damit stärkt man das, was man eigentlich ändern möchte. Was wir brauchen, sind neue Wege.

 

Was bedeutet das für lösungsorientierte Aufstellungen?

  1. Das Problem wahrnehmen und fühlen.

  2. Das Kreisen ums Problem unterbrechen.

  3. Die Energie im System erhöhen.

  4. Der Schritt in die Lösung.

     

    (November 2012)

     

     

     

     

Festgefahren

 

Manchmal geht es nicht mehr weiter.

Wir stecken fest. In unserem Problem. Im Schmerz. Im Mangel. Es ist eng. Wenn wir uns nicht fortbewegen, wird es noch enger werden.

Wie geht es weiter?

Es ist möglich, die Perspektive zu wechseln. Was uns die Luft abschnürt, ist die Enge und Begrenztheit unserer Ich-Struktur. Dieses verzweifelt-tapfer leidende Ich ist nur ein kleiner Teil unseres Wesens.

Es ist möglich, daß wir uns der Verbindung zu etwas Größerem bewußt werden.

Wir sind viel mehr als unser tapfer-verzweifeltes Ego. Wir sind eine kleine Welle im großen Ozean. Und jede Welle ist mit dem ganzen Ozean verbunden. Jede Welle ist der Ozean selbst. Welch ein Wechsel der Perspektive!

Wir sind auf einem Erkenntnisweg, der aus der Enge in die Weite führt. (August 2012)

 

 

 

 

Paradies

 

Selbstvergessene Hingabe an den Augenblick ist das Tor zum Paradies. So weit ich sehen kann, ist das Paradies voll von Kindern, Katzen und Verliebten. (August 2012)

 

 

 

Ausbruch aus dem Gefängnis

Problem und Lösung sind wie Gefängnis und Freiheit. Das sind zwei verschiedene Lebensformen, die zwar dicht nebeneinander liegen, aber durch schwarze Mauern voneinander getrennt sind.

Was tun, wenn ich im Gefängnis hocke und mich nach der Freiheit sehne?

Ich kann stundenlang im Hof meine Kreise drehen und komme trotzdem nicht vorwärts. Ich kann versuchen, das Gefängnis zu reformieren, Möbel und Tapeten zu erneuern. Vielleicht wird das Leben ja erträglicher. Doch selbst mit Blümchentapete und Duftspender bleibt es ein erbärmlicher Knast. Und ich suche kein „erträgliches Leben“, sondern Glück, Freiheit und Erfüllung.

Wenn ich das hinter Gittern nicht finde, muß ich wohl oder übel das Gefängnis verlassen. Ich muß mich bereit machen auszubrechen, Regeln zu brechen, dem Knast untreu zu werden. Die größte Hürde, die schwärzeste Mauer steht in meinem Inneren. Über diese Mauer komme ich nur, wenn ich meine „Treue zum Problem“ breche. Ich brauche den Entschluß, „fremd zu gehen“.

Die Fremde, in die ich gehe, heißt Freiheit.

Wenn das erst mal geklärt ist, braucht es nur noch den „kreativen Schritt“ ins Unbekannte. Ob per Strickleiter, mit dem Hubschrauber oder durch einen Tunnel spielt kaum eine Rolle.

Eine Aufstellung kann eine große Hilfe sein, um das kreative Potenzial in Aktion zu bringen. (Mai 2012)

 

Vom Gift in der Suppe...

Willst du wirklich die ganze Suppe auslöffeln? Wo du doch weißt, daß du davon Magenkrämpfe, Herzflattern und Muskelzucken bekommst...

Für viele unbemerkt vollzieht sich in unseren Tagen ein Paradigmenwechsel. Es geht um den Schritt vom Problem zur Lösung. Seit mehr als hundert Jahren erforscht die Psychotherapie mit großem Erfolg die Welt des Problems. Unser kollektiver Wissensspeicher ist angefüllt mit allen denkbaren Informationen über Probleme. Nun ist ein nächster Schritt gefragt, ein Schritt in unbekanntes Gelände. Der Schritt in die Welt der Lösung.

Nein, du mußt die Suppe nicht bis zum bitteren Ende auslöffeln. Eine Zungenspitze voll reicht um zu merken, daß sie ungenießbar ist. Stell den Teller zur Seite und geh in die Küche, um dir gesunde Lebensmittel zu holen. Und dann, bitte, iß mit Genuß!

(März 2012)

 

Rendevouz mit dem Schatten

Stell dir vor: Unter dem Teppich deines Lieblingzimmers, dort wo der gemütliche Sessel steht, gibt es eine heimliche Kammer. Da unten haust dein Schatten.

Als kleine Kinder wart ihr ein Herz und eine Seele, zwei Jauchzer aus einer Kehle, unzertrennlich wie siamesische Zwillinge. Ihr badetet im Glück.

Doch dann schlug dieses unerklärliche Verbot zwischen euch ein, schneidend wie ein Schwert. Der Schatten wurde schuldig gesprochen und in die Kellergruft gesperrt. Und seither scheint es so, als wäre etwas Wichtiges abhanden gekommen. Ein Teil des Herzens...

Manchmal hämmert der Schatten an die Falltür unter deinen Füßen. Und du stopfst dir Musik in die Ohren. Er schleicht durch deine Träume. Du mußt sie sorgsam wegwischen, sonst bekommst du Herzrasen.

Und wenn sich mal etwas unter deinen Füßen regt, dann erhöhst du die Geschwindigkeit. Vielleicht erhaschst du ja gerade jetzt einen Zipfel des Glücks, dem du einst so nahe warst.

Doch irgendwann... fasst du dir ein Herz. Dann bewaffnest du dich mit einem Blumenstrauß. Du schlägst den Teppich zurück und suchst die Stimme aus der Tiefe...

(März 2012)

 

Die Wunde und das Wunder

Was für eine unverschämte Ähnlichkeit! Klanglich sind sie fast Zwillinge. Das Schmerzhafte klingt zum Verwechseln wie sein krasses Gegenteil: das überraschende Glück. Wunde und Wunder liegen so dicht beieinander wie zwei Liebende.

Wir alle sehnen uns hin und wieder nach einem Wunder. Doch Wunden halten wir uns möglichst vom Leib. Im Doppelpack wollen wir die beiden nicht haben. Wir wollen Verletzungen vermeiden – und wir investieren viel Geld und Energie in sichere Mauern und in unsichtbare Rüstungen.

Für die Sicherheit aber zahlen wir einen hohen Preis. Zwar halten wir uns Gefahren vom Leib. Aber auch ...das Wunder. Ein Wunder wirkt, indem es das Herz berührt. Was aber, wenn das Herz in einem Hochsicherheitstrakt lebt?

Manchmal lohnt es sich, etwas zu riskieren. Und hier kommt uralte Menschheitsweisheit ins Spiel. Das Wunder braucht eine Lücke. Zum Glück gibt meistens eine offene Stelle in der Mauer. Solch eine offene Stelle nennen wir Wunde.

Es ist möglich, diese offene Stelle als Tür zu benutzen. Nicht lange in der Tür (im Schmerz) stehenbleiben. Komm, geh weiter...dort wartet schon dein Wunder!

(Jan. 2012)

Jens Magerl website